Cornwall: Verhaltene Romantik am westlichen Ende des Landes

Wir begleiten unsere Freundin Heidi, welche eine Rundreise in England unternimmt und vergessen hat, die Landessprache mit ins Gepäck zu nehmen. Dritter Teil.

Irgendwo dahinten ist Amerika. Und bis dahin nur Wasser. Ein paar Inseln, aber die zählen nicht. Ich stehe auf den Klippen von Land’s End, unter mir der Ozean. Ich darf mich bloß nicht umdrehen. Was hat Shaun das Schaf am westlichsten Ende Englands zu suchen?

„Don’t go there“, hatte mich Steve gewarnt. Mein Retter in London, mein Gastgeber in Poole, hatte nur den Kopf geschüttelt, als ich ihm meine nächsten Pläne präsentierte. „Tourist Trap“ hatte er Land’s End genannt. Und da ich inzwischen wieder mit einem Smartphone ausgestattet bin, konnte ich dies problemlos mit dem Google Übersetzer herleiten. Ich wollte natürlich trotzdem hin. „I want to see the nature. There are lots of films about Cornwall in German TV“, versuchte ich Steve zu erklären. „Do you know Rosamunde Pilcher?“ Nein, kannte er nicht. Oder meine Aussprache war zu schlecht.

In der Touristenfalle

Jedenfalls bin ich nun in Cornwall, habe Quartier in Penzance bezogen und mich dann mit dem Bus zum Ausflug nach Land’s End aufgemacht. Es sind definitiv mehr Touristen hier als in Rosamunde-Pilcher-Filmen, und Steves Einschätzung zu Großbritanniens westlichster Landmarke trifft absolut zu. Insbesondere das Shaun the Sheep Experience – Center wirkt total deplatziert. Der Blick die Klippen hinab ist natürlich trotzdem eindrucksvoll.

„Do you like it?“ Neben mir steht plötzlich ein Typ, der offenbar auch allein unterwegs ist. Vielleicht etwas älter als ich, graue Haare, gepflegt, sieht gar nicht so schlecht aus. „The nature ist great. But this over there is a tourist trap“, sage ich. Da lacht er sehr sympathisch und sagt: „I can recommend the footpath to Sennen Cove. Great views.“ Er zeigt die Küste entlang. Das klingt ja interessant. „How long is it?“ „About 20 minutes“, sagt er. Das würde ich ja sogar hin und zurück schaffen. Ich muss schließlich mit dem Bus zurück nach Penzance.

Es zeigt sich, dass der Typ den Weg auch zurückgehen will, weil er nämlich sein Auto dastehen hat, und so gehen wir gemeinsam. Er fragt, ob ich aus Deutschland bin, natürlich hat er den Akzent erkannt. Yes, I’m on holiday. Yes, I’m travelling alone. Er selbst sagt, er käme aus London, hätte aber ein Cottage in der Nähe von Penzance. Er stellt sich mir als George vor.

Ein Nachfahre der Kelten

Das Cottage habe er geerbt, berichtet George, denn seine Vorfahren stammten aus Cornwall. Cornwall sei nicht einfach ein Stück England, sondern habe eine keltische Vergangenheit. So jedenfalls reime ich mir das zusammen, was er sagt. Denn ich verstehe nicht einmal die Hälfte, obwohl er sich bemüht, deutlich zu sprechen. Verdammt, warum habe ich das Englisch lernen so vernachlässigt? Irgendwie hatte ich insgeheim gehofft, die Vokabeln flögen mir schon zu, wenn ich hier erst bin.

Normalerweise bin ich auch gut im Small Talk, aber nicht auf Englisch. Zu Georges Fußballbegeisterung und seiner Hochachtung vor Jürgen Klopp kann ich immerhin beitragen, dass ich zum WM-Finale beim Public Viewing war. Das irritiert ihn sichtlich. Der Google Übersetzer hilft mir auch nicht weiter. Ich versuche zu erklären: „We watch football outdoors on a big screen.“ Da lacht er. „You know what we call a viewing? To look at a dead person in a coffin to say good bye.“ Zum Glück hat George viel Verständnis dafür, dass Fremdsprachen lernen nicht so einfach ist. Was mich aber mal interessieren würde: Wer erfindet eigentlich all diese Wörter, die englisch klingen und es doch nicht sind?

Tea Time

Der Weg bietet tatsächlich einige spektakuläre Aussichten, nicht zuletzt auf ein deutsches Schiffswrack. In Sennen Cove angekommen, fragt George: „Fancy a cuppa?“ und als ich nicht gleich reagiere, wiederholt er: „Would you like a cup of tea?“ Dabei zeigt er auf ein Gebäude am Hafen, das wie ein Café aussieht. Logisch, Tee. England eben. Ich stimme zu, denn eine kleine Pause wäre jetzt nicht schlecht und in einem echten britischen Café war ich noch nicht. Es sieht recht gemütlich aus. Wir setzen uns, der Tee und ein paar Kekse kommen schnell. Ich weigere mich, Milch in den Tee zu kippen, was eine gewisse Verwunderung hervorruft.

„So what do you do?“ fragt mich George, und ich bin irritiert: Sieht er nicht, dass ich Tee trinke? „Enjoying my holiday“ ist aber wohl auch nicht die richtige Antwort. „What’s your profession?“, wiederholt er. Ach so. Was heißt „Physiotherapeutin“? „I do gymnastics and give massages“, sage ich, und weil er jetzt schon wieder komisch guckt, nehme ich den Google Übersetzer und halte ihm „physiotherapist“ unter die Nase. Was hat er denn gedacht? Gibt es auch in England zweideutige „Massagesalons“? Mit „Physiotherapeutin“ kann ich mir normalerweise doppeldeutige Bemerkungen vom Hals halten. Allerdings fühlen sich Leute dann oft motiviert, mir von ihren körperlichen Problemen zu erzählen. Und es gibt nicht wenige, die auf eine Gratis-Massage hoffen.
George erweist sich als Zahnarzt. Ich will wissen, ob er dasselbe Problem hat wie ich: „Do your friends often ask you to look into their mouth?“ Da lacht er. „No, never. They are affraid of what I could find.“

Keiner kennt Rosamunde Pilcher

Wir gehen noch hinunter zum beeindruckenden Strand von Sennen Cove. Ich finde es hübsch hier. George will wissen, ob ich schon auf St. Michael’s Mount war. Die Insel, zu der man bei Niedrigwasser zu Fuß gehen kann, hatte ich mir für den nächsten Tag vorgenommen. Dann fragt er, ob ich mit ihm zurück nach Penzance fahren will. Hier muss ich also entscheiden: Rosamunde Pilcher, Agatha Christie oder, wahrscheinlich am schlimmsten, Val DcDermid? Ich möchte nicht unbedingt als verscharrte Leiche irgendwo enden. Ich habe sogar schon ein Busticket zurück, allerdings keine Lust, noch einmal die Massen in Land’s End zu treffen. Außerdem sind Wolken aufgezogen, die nichts Gutes verheißen. Und Georg macht eigentlich einen recht vernünftigen Eindruck.

„Do you know that Cornwall is in a lot of films in German TV?“ Das überrascht ihn. „Oh really? What kind of movies?“ „Rosamunde-Pilcher-Stories“, sage ich, aber auch George hat nie von ihr gehört. Es muss an meiner Aussprache liegen! „It’s always about love and with happy end. And beautiful pictures of houses and nature“, erkläre ich. „Sounds a bit boring“, meint George. „How many people are watching this?“ Draußen hat jetzt ein wahrlich filmreifer Regen eingesetzt. Windböen beugen den Streifen Grün seitlich der schmalen Straße immer wieder tief zu uns hinab.

Wie Frau zu einem Ehemann kommt

Als wir endlich zurück in Penzance sind, gießt es immer noch. Leider kann man nicht direkt vor dem Eingang meines Hotels parken. George, ganz britischer Gentleman, bietet an, mich mit seinem Schirm zur Tür zu bringen. Damit wir wirklich beide darunter passen, legt er ganz pragmatisch den Arm um mich. Und dann stehen wir vor der Tür und verabschieden uns in aller Hast, bevor es den Schirm im Wind zerlegt. „It was nice to meet you“, sagt George und gibt mir seine Karte. „Give me a call if you stay longer“. „Thank you. It was nice to meet you, too“. Dann hastet er zurück zum Auto und ich ins Hotel. Rosamunde Pilcher hätte die Szene vermutlich anders gestaltet, aber die ist gerade nicht da.

„What awful wheather“, sagt die Rezeptionistin mitfühlend. „Will your husband be late? The restaurant is closing earlier tonight.“ Ich starre sie an. Ausnahmsweise nicht, weil mir die Vokabeln fehlen. Ich habe jedes Wort verstanden. Sondern weil die Übersetzung keinen Sinn ergeben will. Verwechselt die mich? „I don’t have a husband?“ „Oh, I thought I saw you with someone! I’m sorry!“ Jetzt wird die Rezeptionistin rot. Und mir geht ein Licht auf. Sie hat wohl George durchs Fenster gesehen. „Don’t worry. It was a friend.“ Ich gehe auf mein Zimmer und sehe mir die Karte an, die George mir gegeben hat. Ich glaube zwar nicht, dass ich anrufen werde. Morgen will ich noch diesen St, Michael’s Mount besichtigen und dann weiterfahren. Aber ich nehme mit fest vor: Ich will richtig Englisch lernen. Es ist einfach zu schade, Menschen zu treffen und nicht mit ihnen reden zu können.

Fortsetzung folgt…